Daguerre und die Metallplattenfotografie bis Talbot
Daguerre und Niépce – Erfinder der Fotografie
Joseph Nicéphore Niépce wurde ja bereits im ersten Kapitel vorgestellt. Durch seine Experimente mit Lichtkopien von Gravuren hat er später die älteste noch erhaltene fotografische Aufnahme mit einer „Camera Obscura“ durchgeführt.
Später kam er dann in Kontakt mit Louis Jacques Mandé Daguerre, den er um Rat bei der Vermarktung seiner Technik bat. Daguerre (*1787 †1851, gelernter Theatermaler) verdiente erfolgreich sein Geld mit der Herstellung und Ausrichtung von Dioramen in Paris. Das waren gezeichnete Landschaftsbilder, welche über Projektionen in Theatern zur Schau gestellt wurden. Damit waren dies auch mit die ersten Multimedia-Aufführungen.
Louis Jacques Mandé Daguerre 1844
Die Weiterentwicklung der Erfindung von Niépce wurde nun eine gemeinsame Sache und die beiden Tüftler tauschten regelmäßig ihre Ergebnisse in der Technik aus. 1833 verstarb dann unerwartet Niépce kurz vor der Vollendung der gemeinsamen Entwicklung. Daquerre schaffte es 1837 sein Verfahren (die Fotografie auf Metallplatten) so weit zu verfeinern, dass er es 1838 der Öffentlichkeit vorstellte. Er nannte das Verfahren selbst „Daguerrotypie“
Älteste erhaltene Daguerrotypie Aufnahme 1837
Auf Empfehlung des Politikers François Arago stellte Daguerre sein Verfahren 1839 an der französischen Akademie der Wissenschaften vor. Seine Erfindung wurde von der Akademie gekauft und gemeinfrei gemacht. Von da an galt dieses Datum (19. August 1839) als Datum der Erfindung der Fotografie.
Louis Daguerre starb am 10. Juli 1851
Das fotografische Verfahren der Daguerrotypie
Daguerre entwickelte das Verfahren auf Basis der „Silberspiegel„. Im Altertum bis in das Mittelalter hat man Spiegel durch hochglanzpolierte Metallplatten erzeugt. Oft waren dies auch Kupferplatten die nachträglich versilbert wurden. Diese kleinen ovalen Metallspiegel nutzte Daguerre für seine Aufnahmen. Silber kann man lichtempfindlich machen, indem man es Jod-, Brom-, oder Chlordämpfen aussetzt. Dadurch entstehen an der Oberfläche lichtempfindliche Silberhalogenide. Diese waren zu Beginn nur schwach empfindlich, was zu Belichtungszeiten von bis zu 20 Minuten führte. Später verbesserte Daguerre die Technik und erreichte Belichtungszeiten von ca 30 Sekunden, was dann auch Portraits ermöglichte.
Bei der Belichtung wird Silberhalogenid zu reinem Silber reduziert und sieht matt aus. Entwickelt wurde mit Quecksilberdampf und Zyankalisalz. Eine hochgiftige Mischung.
Die Oberfläche war berührungsempfindlich und durfte auch nicht zu lange Licht ausgesetzt werden. Darum wurde das Foto unter Glas in einer Holzschachtel präsentiert, die mit schwarzem Samt ausgelegt war.
Boulevard du Temple (Aufnahme von Daguerre ca. 1838)
Eine der ersten Daguerrotypien auf denen ein Mensch zu sehen ist. Aufgrund der langen Belichtungszeit ist nur ein Mann zu erkennen (vorne) der sich die Schuhe putzen lässt. Da er lange in dieser Position verharrte ist er auf dem Bild zu erkennen. Menschen und Pferdewagen, die in Bewegung waren sind nicht zu sehen.
Der Telegrafen-Erfinder Samuel Morse um 1845
Eine gerahmte Daguerrotypie unter Glas
Erste Daguerrotypie-Kameras
Die ersten Kameras waren einfache Holzboxen nach der „Camera Obcura“ allerdings bereits mit Objektiv. Die Belichtungszeit wurde durch abnehmen, zählen der Zeit und wieder aufsetzen des Objektivdeckels bestimmt. Scharfgestellt wurde durch zusammenschieben und ausziehen der beiden Halbkammern des Holzgehäuses. Der Abstand von Objektiv zum Film (Platte) bestimmt die Entfernung der Schärfe.
Daguerrotypien waren Unikate
Ein großer Schwachpunkt der Daguerrotypien war, dass man die Bilder nicht vervielfältigen konnte. Wollte der Kunde 5 Bilder, so mussten 5 Aufnahmen angefertigt werden. Abhilfe haben hier Kameras mit mehreren Objektiven geschaffen, mit Hilfe derer man auf eine große Platte mehrere Bilder gleichzeitig nebeneinander festhalten konnte.
So konnte man ganze Platten 216 mm × 162 mm, halbe Platten 162 mm × 108 mm, Drittelplatten 162 mm × 72 mm, Viertelplatten 108 mm × 81 mm, Sechstelplatten 81 mm × 72 mm, Achtelplatten 81 mm × 54 mm usw. bestellen.
Kamera mit 4 Objektiven
Vorteile der Daguerrotypien
Da die lichtempfindliche Schicht bei Daguerrotypien aus einer polierten Silberschicht bestand, ist die Auflösung und Detailzeichnung der Bilder extrem hoch und nur durch die Qualität der Objektive begrenzt. Ein Filmkorn, wie bei späteren Filmmaterialien gab es nicht. Dieser Umstand hat es vielen Fotografen schwer gemacht auf neuere Verfahren umzusteigen.
Variationen der Daguerrotypien
Bereits sehr früh kolorierte man die Fotoplatten von Hand und erhielt so farbige Portraits. Viele Motive der damaligen Zeit waren (neben Portraits) auch Aktfotografien, die sich in Farbe besonderer Beliebtheit erfreuten.
Stereo-Fotografie
Diese Aufnahme von 1855 wurde mit einer Kamera mit 2 Objektiven im Augenabstand auf eine Platte aufgenommen. Sie können das Stereobild entweder mit einem speziellen Sichtgerät anschauen oder durch Schielen, so dass ein drittes dreidimensionales Bild in der Mitte entsteht.
Spezielle Stühle
Da die zu portraitierenden oft viele Sekunden still sitzen mussten wegen der langen Belichtungszeiten der Daguerrotypien gab es spezielle Stühle, die den Kopf fixierten um Verwacklungen zu vermeiden.
Der Fotografie Boom und das Aufstreben des Bürgertums
Mitte des 19. Jahrhunderts war die Industrialisierung in vollem Gange. Millionen Menschen strömten vom Land in die Großstädte um dort Geld zu verdienen. Dabei lebten sie dort in ärmlichsten und unhygienischsten Verhältnissen. Durch diesen totalen Kapitalismus profitierten vor allem die Industriellen, Banker und Handelsfamilien. Eine neue Mittelschicht wuchs im Eiltempo heran. Der Adel hatte ausgedient und verarmte zum Teil. Die neue Mittelschicht eignete sich Statussymbole an, die zuvor dem Adel vorbehalten waren. Darunter auch das Privileg, sich portraitieren zu lassen. Das Portrait war vor 1837 ein gemaltes Bild, sehr langwierig und teuer.
Die Fotografie kam da im rechten Moment. In Paris schossen die Fotoateliers wie Pilze aus dem Boden. An jeder Ecke fand man bald ein solches Atelier. Zu beginn waren es (meist weniger erfolgreiche) Maler die die Fotoateliers betrieben. Erst viel Später bildete sich der Beruf des Fotografen heraus. Lange Zeit war die Fotografie nicht als eigenständige Kunstform oder Handwerk anerkannt. Sie galt als „Malerei für unbegabte Maler“.
Die Ateliers waren Tageslichtateliers. Kunstlicht war zu schwach, elektrtisches Licht wurde erst 1879 erfunden.
Fotoateliers mit Tageslicht
Ferrotypie Fotoplatten für „einfache Leute“
Die Ferrotypie ist ein fotografisches Direktpositiv-Verfahren auf Blechplatten, das zwischen 1855 und den 1930er Jahren verwendet wurde. Die Ferrotypie wurde 1856 von Hamilton L. Smith (1819–1903) erfunden. Die polierten Kupferplatten der Daguerrotypien waren auf Grund des Materials sehr teuer. Darum wurden etwas später ähnliche Platten für „das Volk“ entwickelt, die statt Kupfer Eisenplatten, also Blech verwendeten. Dies war viel billiger und konnte so auch auf Jahrmärkten für Jedermann angeboten werden. Die Beschichtung war allerdings ein etwas später erfundenes Verfahren, das Kollodium-Verfahren.
Ambrotypie
Ein weiteres (Pseudo-) Positiv-Verfahren war die sogenannte Ambrotypie. Ebenfalls als günstige Variante der Daguerrotypie verwendete man Glasplatten die wie die Ferrotypien mit Kollodium beschichtet waren. Kollodium ist ein in Äther und Alkohol aufgelöstes Gemisch aus Schießbaumwolle und Brom-Jod-Lösung. Schießbaumwolle ist mit Salpetersäure behandelte Baumwolle. Sie ist eine klebrige zähflüssige Substanz, die zum Verschliessen von Wunden verwendet wurde.
Im Gegensatz zur später verbreiteten Technik der Glasnegative handelt es sich hier aber um Positive die nicht reproduziert werden konnten. Das Bild auf dem Glas war zwar negativ, konnte aber über schwarzem Samt positioniert als Positiv betrachtet werden.
Talbotypie oder auch Kalotypie (kalos = altgriechisch „schön“)
William Henry Fox Talbot (* 1800 in Melbury, Grafschaft Dorset, England; †1877) war ein englischer Angehöriger der Oberschicht und in den Naturwissenschaften gebildet. Er entwickelte ein ganz eigenes Verfahren in der Fotografie, welches nicht auf Metallplatten basierte, sondern auf ein mit Kochsalz und Silbernitrat präpariertem Papier.
William Henry Fox Talbot
Durch diesen Prozess machte er Papier lichtempfindlich. Dies hatte Vor- und Nachteile:
- Das Trägermaterial (Papier) war leicht und billig im Verglich zu Metall- und Glasplatten.
- Durch die Struktur des Papiers war das Bild nicht so brillant scharf wie die in dieser Zeit weit verbreiteten Daguerrotypien
- Der wohl größte Vorteil war die Kopierbarkeit. Man fettete das Papiernegativ ein und machte es damit transparent. Dann konnte man im Sonnenlicht eine Kontaktkopie auf ein oder mehrere weitere Papiernegative anfertigen.
Aus „The Pencil of Nature“, 1844
Miss Horatia Feilding, Halbschwester Talbots, frühe Talbotypie (um 1842)
Aufgrund der Unschärfe durch das Trägermaterial verwendeten hauptsächlich künstlerische Fotografen dieses Verfahren, das aufgrund der Kopierbarkeit den anderen Verfahren überlegen war. Die Menschen bevorzugten im kommerziellen Bereich jedoch weiterhin die Metallplattenpositive.
1841 ließ Talbot sein Verfahren patentieren. Dadurch verhinderte er selbst auch eine schnellere Ausbreitung dieser Technik.
Mit der Kalotypie wurden viele bedeutende Werke geschaffen, darunter auch: „The Pencil of Nature“ (von Talbot 1844) ein Fotografisches Werk im Stil des Realismus.
William Henry Fox Talbot: „Hängebrücke“, Papiernegativ

















